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Zweisprachigkeit im Steuerwesen des Kantons Bern

Der Kanton Bern nimmt in der Schweizer Föderationslandschaft eine besondere Stellung ein: Er ist der einzige Kanton, der mit Deutsch und Französisch zwei gleichwertige Amtssprachen führt und gleichzeitig eines der komplexesten Steuersysteme des Landes verwaltet. Die Verbindung dieser beiden Realitäten stellt die Steuerverwaltung vor alltägliche, rechtliche und organisatorische Herausforderungen — und bietet zugleich ein Modell, das schweizweit Beachtung verdient.

Rechtliche Grundlagen: Zwei Sprachen, ein Gesetz

Deutsch und Französisch sind die Landes- und Amtssprachen des Kantons Bern. Dabei gilt Französisch als Amtssprache in der Verwaltungsregion Berner Jura, während in der Verwaltungsregion Seeland und im Verwaltungskreis Biel/Bienne beide Sprachen gleichberechtigt als Amtssprachen verwendet werden.

Das bernische Steuergesetz (StG) und alle zugehörigen Ausführungserlasse — Wegleitungen, Merkblätter, Formulare — müssen deshalb nicht nur inhaltlich korrekt, sondern auch sprachlich gleichwertig in beiden Sprachen vorliegen. Das ist weit mehr als eine Übersetzungsaufgabe: Steuerrechtliche Begriffe sind in den beiden Rechtstraditionen (deutschsprachige Schweiz vs. Rechtsraum Romandie) teils unterschiedlich besetzt, und eine fehlerhafte oder missverständliche Formulierung kann zu ungleicher Behandlung von Steuerpflichtigen führen — was rechtsstaatlich unzulässig wäre.

Die Steuerverwaltung: Organisation über Sprachgrenzen hinweg

Die Steuerverwaltung des Kantons Bern setzt die eidgenössischen und kantonalen Steuergesetze um und beschäftigt rund 850 Mitarbeitende an den Standorten Bern, Biel, Burgdorf, Moutier und Thun. Diese geografische Aufteilung ist kein Zufall: Sie spiegelt die Sprachregionen des Kantons direkt wider.

Die Regionen Jura bernois und Seeland werden seit dem 1. Januar 2022 als gemeinsame Region geführt. Die neue Region Jura bernois-Seeland garantiert an beiden Standorten dieselben Dienstleistungen und stellt sicher, dass kompetente Mitarbeitende auf Deutsch und Französisch Auskunft geben können.

Ein konkreter Einschnitt folgte per 1. Januar 2026: Mit dem Kantonswechsel von Moutier musste der Standort der Steuerverwaltung in Moutier verlegt werden. Steuerpflichtige Personen im Berner Jura nutzen seither bei Bedarf die Schalter in Biel, was als Übergangslösung bis zur Fertigstellung eines neuen Verwaltungszentrums in Tavannes gilt.

Gelebte Zweisprachigkeit: Von der Pflicht zur Initiative

Die Steuerverwaltung begnügt sich nicht mit dem gesetzlichen Minimum. Sie hat unter dem Titel «Diversity2gether» ein Konzept entwickelt, das die soziale, kulturelle und ethnische Vielfalt im Betrieb erfassen und fördern soll. Teil davon ist die Initiative «2getherbilingue», die sich gezielt für die Zweisprachigkeit der Mitarbeitenden einsetzt.

Konkret wurden Sprachtandems eingerichtet, Mittagstische in der jeweils zweiten Sprache eingeführt und Leitsätze zur Zweisprachigkeit verabschiedet. Besonders wichtig ist dies, weil die französischsprachigen Mitarbeitenden im Vergleich zu den deutschsprachigen in der Minderheit sind — ihre Perspektive und ihr Sprachgebrauch müssen daher aktiv geschützt und gefördert werden.

Diese Bemühungen blieben nicht unbemerkt: Das Forum für die Zweisprachigkeit Biel/Bienne zeichnete die gesamte Steuerverwaltung des Kantons Bern für ihre hervorragende zweisprachige Aussenwirkung aus — insbesondere weil sämtliche Produkte und Dienstleistungen in beiden Sprachen und in derselben Qualität angeboten werden. Die Region Jura bernois-Seeland erhielt dabei das «Label für die Zweisprachigkeit», während die übrigen Regionen sowie der Hauptsitz in Bern mit dem «Engagement für die Zweisprachigkeit» zertifiziert wurden.

Herausforderungen im Alltag

Die Zweisprachigkeit im Steuerwesen ist kein statischer Zustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Einige strukturelle Herausforderungen bestehen fort:

Terminologie und Rechtssicherheit: Steuerrechtliche Fachbegriffe wie «Eigenmietwert», «Veranlagungsverfügung» oder «Quellensteuer» haben im Französischen Entsprechungen, die nicht immer deckungsgleich mit dem deutschen Konzept sind. Die Terminologiedatenbank LINGUA-PC des Kantons schafft hier Orientierung, doch die laufende Pflege dieser Ressource ist aufwändig.

Ungleiche Sprachkompetenz: In den mehrheitlich deutschsprachigen Regionen der Steuerverwaltung fehlen schlicht die Sprachressourcen, um Französisch auf gleichem Niveau anzubieten wie im Berner Jura oder in Biel. Das ist der Hauptgrund, weshalb nur die Region Jura bernois-Seeland das volle Zweisprachigkeitslabel erhielt.

Digitalisierung: Mit der Ausweitung von Online-Diensten — Steuererklärung via BE-Login, Einsprache online — stellt sich die Frage der Sprachparität neu. Digitale Schnittstellen müssen nicht nur übersetzt, sondern in beiden Sprachen vollumfänglich getestet und gepflegt werden.

Fazit

Die Zweisprachigkeit im Steuerwesen des Kantons Bern ist weit mehr als eine formale Verpflichtung — sie ist Ausdruck des politischen Selbstverständnisses eines Kantons, der seine sprachliche Vielfalt als Stärke begreift. Die Steuerverwaltung zeigt, dass eine grosse Verwaltungseinheit mit dem nötigen Willen und den richtigen Strukturen echte Sprachengleichheit im Alltag umsetzen kann. Die externen Auszeichnungen bestätigen diesen Weg — auch wenn die vollständige Zertifizierung aller Standorte noch als Ziel vor Augen steht.

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